Begegnung an der Grenze

Kunstgrenze 2020 geschlossen! Ein historisches Ereignis, das dokumentiert sein möchte. 

 

  1. März 2020 - Deutschland macht dicht. Auch entlang der Kunstgrenze errichtet die Deutsche Bundespolizei auf deutscher Seite einen Zaun.
  2. März 2020 - Liebende umarmen sich an der Grenze. Nebst Amor ist jetzt auch noch ein Zaun zwischen ihnen. 
  3. März 2020- Freundschaften lassen sich nicht einfach so auseinander reissen. Es wird gelacht, geredet und gefeiert entlang des provisorisch erstellten Zauns entlang der Kunstgrenze. Wegen der geschlossenen Landesgrenzen gibt es fast keine Möglichkeiten mehr sich zu sehen, zu treffen und körperlichen Kontakt zu haben. Freundschaften sind grenzenlos, auch wenn sie die Grenze manchmal überschreiten. Zu viele Menschen halten sich an der Kunstgrenze auf. Zu wenig Abstand ist zwischen vertrauten Personen.
  4. April 2020 - Schweizer Behörden bekommen Angst wegen einer möglichen, angeordneten Ausgangssperre aus Bern. Die Stadt Kreuzlingen, die Kantonspolizei und die Grenzwache lassen vom regionalen Führungsstab Kreuzlingen einen zweiten, noch höheren Zaun entlang der Kunstgrenze errichten. „Mit dem zusätzlichen Zaun kann der Abstand zwischen den Personen diesseits und jenseits der Grenze eingehalten werden“, meinen die Verantwortlichen.
  5. April 2020 - der Corona Zaun entlang der Kunstgrenze wird zum Medienstar und Symbol der Krise! Tausende von Kommentaren in den sozialen Medien. Erinnerungen an die Berliner Mauer, den Eisernen Vorhang und die DDR werden wach gerufen. Ein weltweiter Medienrummel nimmt seinen Lauf. Bis in die New York Times und russische TV erscheinen später die Berichte vom Corona-Zaun entlang der Kunstgrenze. 
  6. April 2020 „Verbotene Liebe im Grenzgebiet“ betitelt der Tagesanzeigen seinen Bericht zur aktuellen Situation. Künstler Johannes Dörflinger ist traurig. Die Grenzzäune haben seine Kunst zerstört. Die Aussage der Kunstgrenze wird ins Gegenteil verkehrt. Eingeschlossen sind die Tarot-Skulpturen „Liebe“ und „Gerechtigkeit“. Die Isolation macht vielen zu schaffen. 
  7. April 2020 Kreuzlinger und Konstanzer suchen trotz des neuen Grenzzauns Nähe. Letizia und Claudia treffen sich online in der frisch gegründeten Facebook Gruppe für getrennte Paare. Schnell hat die Gruppe mehrere Tausend Mitglieder und kämpft dafür, dass zumindest der Schweizer Zaun so rasch als möglich wieder abgebaut wird. 
  8. April 2020 Der Zaun ist für Johannes Dörflinger ein Alptraum. Seine Kunstgrenze wird unfreiwillig zum Symbol der Krise.
  9. April 2020. – Stadtpräsident Thomas Niederberger will die Situation an der Grenze wieder entschärfen und sucht Hilfe bei Bundesrätin Keller Sutter. Doch ohne Erfolg. Der berühmt, berüchtigte Zaun ist keine Erfindung des Polizei- und Justizdepartmentents. Es handle sich hier primär nicht um eine Grenzschliessung, sondern um eine Corona-Schutzmassnahme.
  10. April 2020 – die getrennten Familien und Paare gestalten den Doppelzaun in einen Protestzaun. Das Schweizer Militär fährt täglich Partrouille. Der Helikopterlärm ist unerträglich.
  11. April 2020 –CDU Politiker rütteln am Grenzzaun, lautet der Titel im Südkurier. OB Uli Burchardt, CDU-Abgeordnete Andreas Jung und Felix Schreiner sowie Konstanzer Landrat Zeno Denner setzen sich vehement dafür ein, dass eine Lösung gefunden wird.
  12. Mai 2020 – Der Grenzzaun ist weg! OB Uli Burchardt spricht von einem historischen Ereignis. Stadtpräsident Thomas Niederberger stosst auf den Erfolg an.  Stadträtin Dorena Raggenbass sammelt die Erinnerungsstücke am Zaun ein. Der Regionale Führungsstab baut die Doppelzäune ab und meint: «Streng kontrolliert und für Ordnung gesorgt wird erst wieder am Samstag.
  13. Juni 2020 – Die Zäune mit dem Schriftzug «KREUZ TANZ» kommen ins Haus der Geschichte in Stuttgart. Für Bert Binnig war die Errichtung des Zauns an der Kunstgrenze der emotionale Tiefpunkt der Krise.
  14. Juni 2020 – Gemäss SRF Sendung will auch Dorena Raggenbass mit den Corona-Doppelzäunen eine Ausstellung realisieren. 

 

 

 

 

Kunstgrenze: mit erneutem Corona Zaun im Jahr 2021

Und wie es dazu kam: 


Im Sommer 2020 plant das Departement Gesellschaft Kreuzlingen in Kooperation mit dem Kulturamt Konstanz die Ausstellung beim Grenzübergang «Kreuzlinger Tor», um «in diesen besonderen Zeiten den persönlichen Geschichten eine Plattform geben zu können». Die Bevölkerung wird aufgerufen seine persönlichen Erfahrungen, Geschichten, Bilder, etc. digital einzureichen. Der Rücklauf ist gering. Die Einreichfrist wird verlängert bis zum 30. Oktober 2020.

Die Stadt Kreuzlingen schreibt auf dem Plakat (das seit dem 9. Juni 2021 an der Kunstgrenze steht): «Der vom Departement Gesellschaft der Stadt Kreuzlingen im November 2020 gestartete Aufruf, Texte, Bilder und Videos, die im Zusammenhang mit der Grenzschliessung entstanden sind, stiess auf grosse Resonanz. Nicht alle Beiträge können an diese Stelle gezeigt werden.»

 Woher kommt dieser Gesinnungswandel? 
Es war nie die Rede davon, dass entlang der Kunstgrenze auch 2021 wieder «Corona Zäune" aufgestellt werden.

Die Johannes Dörflinger Stiftung hat das Ganze frühzeitig zu Ohren bekommen. Am 29. April 2021 möchte der Künstler Einsicht der geplanten Aktivitäten entlang der Kunstgrenze und bittet ausdrücklich und schriftlich darum, dass die Skulpturen nicht wieder beeinträchtigt werden. Nach Einsicht der Unterlagen wird klar, dass entlang der Kunstgrenze – genau auf der Grenzlinie zwischen den Skulpturen wieder Doppelzäune stehen sollen! 

Am 9. Mai 2021 bittet die Stiftung darum, dass bei der Aktion «an die Grenze kommen» deshalb ein anderer Standort als die Kunstgrenze gewählt wird. Am 13. Mai 2021 bittet die Stiftung ein weiteres Mal, einen anderen Standort als die Kunstgrenze zu wählen. Die Grenze war ja überall zwischen Kreuzlingen und Konstanz geschlossen. 

Am 19. Mai 2021 kommt die Antwort der Stadt Kreuzlingen: «Auf dem Gelände Klein Venedig entlang der Grenze werden wir zwei je 15 m lange Zäune (2 m hoch) im Abstand von 2 m aufstellen. Auf diesen Bauzäunen werden wir die vielen eingereichten Dokumente, Bilder und Beschreibungen aufhängen. Wir haben sogar Originalmaterial von 2020 erhalten.»

Am 26. Mai 2021 schaltet sich Stiftungsrat Christoph Bauer, Leiter Kunstmuseum Singen ein und schreibt der Stadt Kreuzlingen:

«Für den Künstler Johannes Dörflinger und die Johannes Dörflinger Stiftung ist es wichtig, dass der Aufstellungsort für die Aktion "An die Grenze kommen" keinen Eingriff in die künstlerische Integrität und in die inhaltlich-symbolische Gestalt der Skulpturen und in das Gesamtensemble der "Kunstgrenze" darstellt. Bekanntlich ist die künstlerische Haltung Johannes Dörflingers eine
offene, wofür nicht zuletzt die linearen, nicht geschlossenen, spielerisch-leichten Formen der Tarot-Skulpturen und das Ausrücken einzelner Arbeiten aus der geraden Linie der meisten Tarot-Figuren stehen. Auch hat Johannes Dörflicher vor Ort bewusst keine Arbeiten mit festgelegter Symbolik, sondern vielmehr offene Zeichen gesetzt, die – in der Art eines Magiers - den Horizont der Betrachter erweitern und öffnen
sollen. Dass ein Land-Art- / Public–Art–Projekt ohne den umgebenden Landschaftsraum, durch den es rhythmisch "tanzt", nicht gesehen werden kann, versteht sich von selbst. Es geht mithin nicht nur um die Skulpturen, sondern auch um den Ort. Nicht zuletzt die Offenheit, für die das Kunstwerk steht, führte letztlich zur Annahme des Projektes "Kunstgrenze" am gewählten Standort durch die beiden Städte Konstanz und Kreuzlingen, die auf diese Art ein Zeichen für die Öffnung der (Staaten-)Grenze und für die Verbundenheit beider Städte setz(t)en. Die Aufstellung des Corona-Doppelzauns konterkarierte diese Intention.

Ich plädiere dafür und bitte die Projektorganisatoren des Vorhabens "An die Grenze kommen", dass Sie einen Standort wählen, der in die "Kunstgrenze" nicht eingreift. Der Standort sollte nicht inmitten, unter, nahe an oder in Linie der Tarot-Figuren der "Kunstgrenze" sein, da dies - s.o. -zu einer Verkehrung der Intentionen des Künstlers und des Werks führte.

Am 27. Mai 2021 schreibt die Stadt Kreuzlingen nun: «…. Die Ausstellung lebt aus den über 70 eingereichten Zeitdokumenten, Geschichten, Bildern, Erinnerungen und Filmsequenzen, die wir an den ca. 15 m langen doppelten Bauzaun befestigen». Einige Originalstücke sind auch dabei, am Originalort, wollen wir ihn wieder aufstellen».

Am 9. Juni 2021 stellt die Stadt Kreuzlingen die geplanten Doppelzäune auf. Am Originalort, auf der Grenzlinie – zwischen den Skulpturen von Johannes Dörflinger. Die Stiftung bittet ein weiters Mal, einen anderen Standort zu wählen und schreibt der Stadt Kreuzlingen folgendes:

Nun steht der Doppelzaun doch zwischen und in der Reihe der Arbeiten von Johannes Dörflinger und konterkariert so die künstlerische Aussage der raumbezogenen Arbeit. Wir bitten weiterhin um einen anderen, sichtlich abgerückten Standort.

Die von der Stadt Kreuzlingen für den 28. Mai geplante und dann auf den 4. Juni und weiter auf den 11. Juni 2021 verschobene Ausstellung ist eröffnet. 

Jetzt ist es an der Zeit, nun endgültig die Urheberrechte des Künstlers zu respektieren und sofort einen anderen Ort für die Doppelzäune zu finden. 

 

Erneuter Aufbau der Doppelzäune am 9. Juni 2021 durch die Stadt Kreuzlingen.